Interview: Luis Baltes über regionalen Rap

„Ja, ich habe meine Popband grad gekickt. Ein Grund war, das Popbiz hat uns hart gefickt“, rappt Luis Baltes (Künstlername £¥I$) eindeutig nicht jugendfrei auf seinem Song „Alle pumpen Lu“. Warum ist der Mann so wütend, mag man sich vielleicht fragen. Doch Baltes weiß wovon er spricht. Er war rund acht Jahre lang der Frontmann der Popband Luis Laserpower, die er einst als Absolvent der Popakademie Baden-Württemberg selbst ins Leben gerufen hatte. Im Sommer 2014 war dann Schluss. Die Band löste sich auf. Seitdem ist Baltes als Solo-Artist unterwegs und hat mit „Riesling Sauer“ im letzten Herbst seine erste EP veröffentlicht. Doch wie lebt es sich eigentlich, wenn man bisher daran gewöhnt war, stets mit mehreren Leuten gemeinsam Musik zu machen, zu Proben und Konzerte in ganz Deutschland zu spielen?

Im Interview spricht Luis Baltes über schwere Entscheidungen, mentale Freiheit und Pfalzrap.

„Rap ist regional, sagt Guru“

Zeitgeist247: Mit dem Release der „Riesling Sauer EP“ vor gut zwei Monaten, könnte man meinen, du möchtest dich mit allem, was künstlerisch möglich ist, von deinem früheren Pop-Projekt Luis Laserpower distanzieren?

Luis Baltes: Ich stehe heute noch voll hinter der Musik von Luis Laserpower. „Futura“ (das Debütalbum der Band, Anm. d. Red.) ist ein wunderbares Pop-Album geworden und auf ein paar der Songs bin ich richtig stolz. Auch live waren wir eine Zeit lang unschlagbar. Es lief aber aus vielen verschiedenen Gründen nicht. Nach der Auflösung wollte ich erstmal was völlig anderes machen. Die Distanzierung war bewusst – vor allem businessmäßig. Da war schon Bedarf mal richtig auf die Kacke zu hauen.

ZG: Aber kann man etwas, dass man acht Jahre lang als Gruppe durchgezogen hat, einfach hinter sich lassen? Oder muss der „Cut“ gerade deshalb so krass sein?

Luis: Als die schwere Entscheidung, die Band aufzulösen stand, war der nächste Schritt überhaupt nicht schwer, eher überfällig. Das ganze „Riesling Sauer“-Ding ist wie eine mentale Befreiung. Bender-mäßig (Roboter aus der Zeichentrickserie ‚Futurama‘ von Matt Groening, Anm. d. Red.): „Kiss my shiny metal ass“. Ich mach mein eigenes Ding. Ohne Label, Band und ohne Management. Mit Blackjack und Nutten. Oder ohne Blackjack.

ZG: Okay, das klingt ja auf jeden Fall schon mal vielversprechend. Mich würde interessieren, wie du für dich überhaupt die Entscheidung getroffen hast, nicht den üblichem 08/15-Weg zu gehen, sondern Musiker zu werden?

Luis: Das frage ich mich jedes Mal, wenn ich aufs Konto kucke. Ne Spaß. Ich hatte ein paar Mal einen Chef, hab dann aber schnell gemerkt, dass das so nicht läuft bei mir. Jetzt kann ich mich in Ruhe selbst ausbeuten. Immer noch wenig Geld verdienen, aber komme mit einem Grinsen von der „Arbeit“ heim. Musik war durch meine Familie immer ein Teil meines Lebens und das, was mir am meisten Spaß macht. Außerdem kann ich das gut.

ZG: Gab es künstlerische Einflüsse und wenn ja, wer hat dich inspiriert und tut es immer noch?

Luis: Eine ganze Menge unterschiedlicher Künstler. Musikalisch: Deichkind, El-P, Kinderzimmer Productions, Pantera, Slayer, Tool, Daft Punk, Tom Petty, Queen, Gang Starr, Ice Cube, Burial, Distance und einige mehr. Comics: Alan Moore, Frank Miller (außer „Holy Terror“), Miyazaki, Otomo, Moebius, Trondheim. Filme: Kitano, Miyazaki, Otomo, Tarantino, Star Wars, Back to the Future, The Royal Tenenbaums. Außerdem sind meine Familie und meine Freunde sind eine große Inspiration für mich.

„Alles bleibt in der Familie“

ZG: Auf der „Riesling Sauer EP“ sind sehr viele Tracks enthalten, die ich mir gerne und vor allem auch laut anhöre. Heißt: Die sind schon ziemlich gut produziert. Ist das einfach dein Anspruch an dich selbst und deine Arbeit oder willst du langfristig als Solo-Artist für Aufsehen sorgen?

Luis: Danke sehr! Mein Anspruch an mich selbst ist allerdings manchmal erschreckend gering. Ich steh auf eine punkige Herangehensweise, Hauptsache es ballert! Klar will ich irgendwann Welle machen, aber der Grund warum ich alles selber mache sitzt tiefer. Ich produziere alle Beats selbst, schreibe außer den Featureparts alle Texte, nehme die Vocals auf, editiere und mixe selbst. Nur das geheimnisvolle und mystische Mastering überlasse ich den Profis. Ich mache das alles, weil es irre viel Spaß macht und mir keiner reinreden kann. Ich muss auf niemanden warten, niemand muss auf mich warten, und egal wie mies es am Ende klingt, ich kann die Schuld nicht auf andere abwälzen. Das beflügelt unglaublich. Auch das Artwork und die Videos mache ich zusammen mit meinem Bruder Anselm und ein paar sehr engen Freunden. Alles bleibt in der Familie, keiner redet rein. Wer schon mal in einer gesignten Band mit vier Bandmitgliedern, Management, Label, Booker, Verlag, Grafiker, Regisseur, Produzent, und Promoter gearbeitet hat, der weiß diese Freiheit wirklich sehr zu schätzen.

ZG: Deutscher Hip Hop und Deutschrap sind ja momentan ziemlich gut am Laufen und gefühlt kommt jede Woche ein neuer Act um die Ecke. Jetzt trauen sich aber auch Totgeglaubte wie MC Rene, Curse und Co. wieder an das Mikro. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Luis: Ich glaube, viele von der alten Garde wurden sowohl von der Industrie als auch von vielen ihrer Fans irgendwann fallengelassen, da es im Hip Hop immer um den neuesten Trendscheiß, den jüngsten Rapper, den amerikanischsten Sound ging. Aber wenn sich ein Künstler mal komplett neu erfinden wollte, ist das auch nur ganz selten gut angekommen. Heuchelei nennt man das, liebe „Fans“. Sobald hier eine neue Welle losgetreten wurde, haben auch immer sofort ganz viele Hörer, vor allem die Kids, auf den Alten rumgehackt, die sollen sich doch jetzt langsam mal verpissen. Das ist eine der mir am wenigsten lieben Eigenschaften von Hip Hop. Ich habe nämlich auch ein paar alte Acts auf meiner Liste, für die ich mich sehr freuen würde, würden sie etwas mehr Anerkennung bekommen. Immerhin war Hip Hop nie weg. Er hat jetzt in Deutschland ungefähr die vierte Welle. Das wird auch immer wieder abebben und zunehmen. Ich bin, seit ich 15 Jahre alt war, Rap-abhängig und find es geil, wenn gerade so viele Menschen versuchen zu rappen und Beats zu basteln. Dadurch kann ich nämlich wunderbar glänzen. Vor allem Pop-Konsensrap, endlich-doch-mal-flowender-aber-immer-noch-asozialer Streetrap-Trap, „Wir sind der von Mainstreamhiphopmedien abgesegnete Gegenentwurf zum Mainstream“-Nineties-Retro-Battlerap, und ungeflowter Youtube-Pipi-Kaka-Doubletime-Punchlinehumor mit miesem Gesang sind gerade sehr angesagt. Bei dieser Diversität kann ich mich schön wie eine fette Weinbergspinne in meiner Nische einnisten und warten, bis sich ein, ob des ganzen Überdrusses satter Rap-Fan in meinem Netz verfängt, um ihn mit Rieslingschorle und Saumagen zu umgarnen.

„Ich will Landau ein kleines Denkmal setzen“

ZG: Damit machst du deinen Standpunkt schon sehr deutlich. Deine Musik bezeichnest du ja selbst als „Pfalzrap“. Siehst du das als Hommage an deine Heimat und deine Kindheit oder längerfristig auch als Label, um sich vom Mainstream abzusetzen?

Luis: Jeder Rapper setzt sich früher oder später mit seiner Herkunft oder seinem Wohnort auseinander, um sich abzugrenzen, zu definieren und zu platzieren. Deswegen ist mir das Intro meiner EP sehr wichtig: Guru (war ein US-Rapper, Anm. d. Red.) sagt ja mit „Rap is regional“ genau das, worauf ich hinaus will. Ich selbst setze mich eher durch meine DIY-Art vom Mainstream ab. Mundart-Rap ist zwar im Kommen, das gab es aber schon lange, auch auf Pfälzisch oder Kurpfälzisch. Es hat halt noch keiner so geil gemacht. Pfalzrap ist meine Art, Landau und der Südpfalz ein kleines Denkmal zu setzen. Das ist einfach die entspannteste Ecke des Universums.

ZG: Denkst du, dass man heute als unabhängiger Solo-Künstler noch Erfolg haben kann, ohne sich verbiegen zu müssen?

Luis: Ja. Aber ich würde die Sichtweise des „sich Verbiegens“ ganz weg lassen. Manche Kompromisse sind nämlich überhaupt gar nicht schlecht, es kommt immer darauf an, seine eigenen Entscheidungen bis zuletzt vor sich selbst verteidigen zu können. Wenn man von vornherein weiß, dass ein Move falsch ist, dann macht man ihn nicht. So einfach. Und Fehler macht jeder. Wenn man aber über sein Ego und seinen Stolz hinwegsehen kann, um einen vermeintlichen „Bitchmove“ zu durchdenken, dann kann man auch manchmal zu der Einsicht kommen, dass der Schritt gar kein dummer war. Ich liebe zum Beispiel Popmusik noch immer und werde mich selbst vor dem „realsten Realkeeper“ nie für die Musik von Luis Laserpower entschuldigen, weil sie geil ist.

ZG: Das ist angekommen. Mit welchem deutschen Rapper würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

Luis: Mit Henderson von HRDSL. Er ist ein extrem entspannter und talentierter Geselle. Wir sind seit ungefähr einem Jahr immer mal wieder wegen eines Features am reden. Ich erwähne ihn hier mal, um uns beiden in den Hintern zu treten. Außerdem Boarischa Bou (BBou). Ich glaube, ein Track auf Pfälzisch und Oberpfälzisch/Bayrisch gab’s noch nie?!

ZG: Solltet ihr auf jeden Fall machen! Was sind deine nächsten Projekte und worauf darf man sich 2015 noch freuen?

Luis: 2015 kommt einiges. Mein nächstes Solo-Projekt ist eine Luis-EP mit etwas mehr „Inhalt“. Knallender, flowender Consciousrap mit dickem Bass und Riesling im Kopp. Ich hab schon ein paar Tracks fertig, das wird so unglaublich fett. Das Dubstep/Bassmusic-Projekt „Uppercut.Continue“ zusammen mit Maik Helfrich wird grade reaktiviert Da werden wir im Frühjahr eine neue EP droppen. Außerdem bin ich gerade am mischen meiner ersten Punkrock-EP „Attack Back Barruczeck!“. Die Gitarren hat Thor Lunde (Ex-The Spitts) eingespielt, Schlagzeug, Gesang und Bass kommen von mir. Sehr schnell, Lo-Fi und aufs Maul wird das. Zusammen mit Thor Lunde und Timo Dorsch habe ich auch ein Songwriting/Producer-Team in Hamburg, wo wir für verschiedene Popacts Songs schreiben und produzieren. Dabei kommt gerade fast wie von selbst ein gemeinsames, internationales Band-Projekt ins Leben. Da darf ich aber noch nicht so viel verraten, weil geheim und so. Mit meinem Vater, dem Münchner Gitarristen Rick Baltes sitze ich grade am Songwriting für ein gemeinsames Album. Ich baue die Beats und rappe hier und da, er spielt akustische Gitarre und singt. Die Funk- und Hip Hop-Liveband „The Flow Club“ ist ein weiteres grandioses Ding, man kann uns einmal im Monat in Walldorf live sehen. Da rappe, freestyle, beatboxe und singe ich als Host durch den Abend. Sehr dope Band. Außerdem bin ich im Mai wieder zusammen mit der Theatergruppe „Die Rhapsoden“ im Theaterhaus Stuttgart als Darsteller zu sehen. Und zwischendurch leg ich auch noch auf.

ZG: Dem ist wohl nichts mehr hinzufügen. Luis, ich bedanke mich für deine Zeit.

Die nächsten Gigs spielt Luis Baltes am 12. Februar im Forum in Mannheim und am 21. Februar im Mobilat in Heilbronn. Unterstützt wird er von DJ Brad Pitch und falls es zeitlich passen sollte, von seinem Bruder Anselm als Backup-MC. Weitere Gigs und Festivals in der Planung.

Das Interview führte Philipp von Zeitgeist247.de mit Luis Baltes.

„Luis Baltes – Alle Pumpen Lu“ (Video)

Die „Riesling Sauer EP“ kann man sich hier kostenlos runterladen.

Offizielle Profile: https://www.facebook.com/luis.baltes.music | https://soundcloud.com/luis_baltes

Foto (oben): Anselm Baltes (www.anselm-baltes.de)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.