Philipp Jessen: Einarmig unter Blinden und Wellenreise

Der Journalist Philipp Jessen ist seit 1. September 2013 stellvertretender Chefredakteur der “Gala” und war zuvor schon für andere Verlagshäuser – unter anderem für Titel wie “Bravo”, “Grazia”, Vanity Fair und die “Bild” – tätig. Doch eigentlich sollte man Jessen auch als das wahrnehmen, was er eben auch ist: als Romanautor. Begriffe wie “Wodka-Rolex” dürften nur ihm eingefallen sein. Doch dazu muss man seine Bücher gelesen haben. Eine etwas andere Rückschau und Buchkritik.

Philipp Jessen: Einarmig unter Blinden (2003)

Mit “Einarmig unter Blinden” hat der gebürtige Hamburger Jessen einen Klassiker der Gegenwartsliteratur geschaffen.”12 Uhr München. meine Haare sitzen scheiße”, ist ein typisches Zitat aus dem Roman, der keineswegs den Anspruch hat, autobiografisch zu sein. Vielmehr verwebt der Autor scheinbar eigene Erfahrungen mit Beobachtungen aus dem direkten Umfeld. Dazu vermischt er diese Erkenntnisse mit zeitgenösisschen Strömungen der damaligen Zeit. Immerhin ist “Einarmig unter Blinden” bereits 2003 erschienen.

Die “Wodka-Rolex”, mit der sich Titelheld Nick hemmungslos (in und um München) betrinkt, dient letztlich – wie viele andere Sachen in seinem Leben – nur dazu, sich vom Elend des Alltags abzulenken. Denn schließlich jagt auch Nick einem Traum oder besser gesagt: seiner Traumfrau, hinterher. Ob der Traum am Ende in Erfüllung geht, muss man sich selbst erlesen. Lesenswert ist der Roman “Einarmig unter Blinden” allemal.

Philipp Jessen: Wellenreise (2006)

Der zweite Jessen-Roman, “Wellenreise“, verlagert die Handlung an einen gänzlich anderen Ort. Es ist ein Selbstfindungstrip zweier unterschiedlicher Charaktere, die eine tiefe persönliche Enttäuschung dazu nutzen, um das Surfen zu erlernen. Eine Mutter-Sohn-Geschichte der besonderen Art. Auf einer Insel wollen beide Abstand vom Alltag gewinnen: Die Mutter wurde vom Vater betrogen, der Sohn fühlt mir ihr und fühlt sich ebenso betrogen. Daher begleitet sie auf eben diesem Trip der “Wellenreise“.

Während die Mutter nach Abstand und Ablenkung sucht, nutzt der Sohn die “Wellenreise” zu einer Reise zu sich selbst, um zu erfahren, wohin der (berufliche) Weg gehen soll. Ein vertrautes Gefühl für viele, die nach der Schule oder dem Studium vor der Frage stehen, wie es weitergehen soll. Wer den ersten Roman von Philipp Jessen gelesen hat und gleiches erwartet, wird enttäuscht sein. “Wellenreise” ist ruhiger und bedächtiger, “Einarmig unter Blinden” strotzt vor interessanten Vergleichen und Wortwitz. Und doch sind beide Roman lesenswert.

Siegfried Petit

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